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Zur Geschichte der Judenverfolgung
 


Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.
Baal Schem Tow



Xanten - ein Beispiel


Xanten am 27. Juni 1096: Tobende und marodierende Teilnehmer des 1. Kreuzzuges ermorden aus Köln hierher geflüchtete Juden.
Eben hier 800 Jahre später: In der sogenannten Buschhoff-Affäre wird der Schochet, der Schächter der jüdischen Gemeinde fälschlich des Mordes an einem Kind bezichtigt.
Erinnerung - die Stolpersteine Die Denunzierung von Juden führt zu deren zahlreicher Abwanderung.

Eben von hier aus fliehen im 20. Jahrhundert alle übrigen Jüdinnen und Juden, um dem brutalen Exzeß des Nationalsozialismus und seiner einzigartigen Zuspitzung zu entkommen. Erfolglos. Von ihrer Ermordung künden die in dieser Stadt verlegten Stolpersteine, die die Erinnerung an sie wach halten.


Die Jahrhunderte alte Vorgeschichte


Antike und frühes Christentum

All das hatte eine tiefgreifende Vorgeschichte, die Vorgeschichte der jahrhundertelangen Anfeindung und Verfolgung von Juden. Sie begann mit der Vertreibung der Juden aus Judäa durch die Römer im Jahre 135 n.Chr., die damals Judäa in Palästina umbenannten.

Sie fand ihre Ausprägung in weiten Teilen Europas im Wesentlichen durch Christen, durch Kirchen, durch christliche Staaten und Regierungen. Es gab keinen Staat, in dem Juden ihre Religion, ihr Selbstverständnis und ihre Kultur ungestört leben konnten. Sie wurden zur heimatlosen Minderheit in nahezu allen Ländern Europas gemacht.

Gab es im Mittelmeerraum zunächst eine Zahl von Christen jüdischer Herkunft, so gewannen doch die Christen heidnischer Gebiete durch ihre verstärkte Missionstätigkeit bald die Mehrheit. Es begann sich eine gesamtkirchliche Theorie herauszubilden, die antijüdisch wurde. Dieser Prozeß wurde bis zur sogenannten Konstantinischen Wende, in der das Christentum wird zur Staatsreligion des Römischen Reiches wurde, ausbildet und ausformuliert.

War die Mission unter den „Heiden“ zunächst durchweg nicht antijüdisch, so wurde sie es indessen durch Christianisierungserfolge in den „oberen Gesellschaftsschichten“. Die Theologen der vorderasiatischen Gemeinden und anderer Staaten am Mittelmeer, die Theologen der Alten Kirche des 2. Jahrhunderts arbeiteten mit ihren sog. Schriftbeweisen, z.B. im Barnabasbrief oder bei Eusebius von Cäsarea, heraus, daß nun die Kirche das wahre Israel sei.

Denn das Judentum in seiner Ganzheit hatte Jesus nicht als den Messias anerkannt. Das jüdische Gesetz, die Thora sei überflüssig, ja, ungültig. Die Kirche sei die wahre Erbin der Verheißungen des Alten Testaments. Für das Judentum bliebe nur der Fluch und die Verwerfung. Spitzensatz dieser Überzeugung war: “So überwältigte die göttliche Vergeltung die Juden für die Verbrechen, die sie an Christus gewagt hatten zu begehen.“ (Eusebius) Das Judentum wurde so durch eindeutige Geschichtsfälschung religiös enteignet. In der Folge führten die christianisierten Völker jedes Leiden der Juden, auch das, das sie ihnen selbst zufügten, auf deren Verbrechen an Gott zurück.

Völlig übergangen wurde dabei, daß nach biblischer Überzeugung der Tod Jesu Gottes Wille war und daß gerade dieses Ereignis ein für allemal Gnade für Israel und die Heiden (Röm 11,32) bedeutet. Völlig übergangen wurde ebenfalls, daß Jesu Jünger allesamt Juden waren – wie er selbst auch.

Der Gedanke und Vorwurf des Gottesmordes taucht zum ersten Mal bei Melito von Sardes ca. im Jahre 190 auf. Daraus folgerte der berühmte Kirchenvater Johannes Chrysostomos in seinen antijüdischen Predigten einen kriminellen Charakter aller Juden. Gregor von Nyssa schließlich bezeichnete Juden als „Gottesmörder, Prophetentöter,...Gesetzesbrecher, Feinde der Gnade,..Advokaten des Teufels, Schlangenbrut, Denunzianten, Verleumder, Heuchler,...Feinde des Menschengeschlechts.“

Diese Begriffe wurden im 4. Jahrhundert zum gedanklichen Allgemeingut im Bewußtsein der Menschen. Die Christen waren bis zur Konstantinischen Wende selbst eine Minderheit im Römischen Reich und oft schwersten Verfolgungen ausgesetzt.

Danach aber wendete sich die Christenheit und ihre sie prägenden Theologen immer stärker von ihren eigenen jüdischen Wurzeln ab und schufen damit eine wesentliche Voraussetzung für die mittelalterliche Judenfeindlichkeit. Das Wort Jesu vom Dienst dessen, der der Erste sein will (Markus 10,44) wurde umfunktioniert. An seine Stelle trat die römische Verwaltungsstruktur des monarchischen Episkopats. Metropoliten wurden zu Aufsehern über alle Bischöfe einer Provinz. Bischof Kalixt (221-227) entwickelte die Idee des Papsttums und behauptete, für alle übrigen Bischöfe sprechen zu können. Kaiser Konstantin verbot schließlich 315 den Übertritt zum Judentum unter Androhung der Todesstrafe. Die Kirchenkonzilien dieses 4. Jahrhunderts ließen bis zu denen des 7. Jahrhunderts in ihren Beschlüssen auf vielfältige Weise den Kontakt zu Juden unterbinden. Kaiser Theodosius anerkannte nur noch Christen in seinem Reich. Heidentum und Abweichung von dieser Maxime wurden zum Staatsverbrechen erklärt.

Die Kirchenführer begrüßten diese Entwicklung. Bald begann die Zerstörung „heidnischer“ Tempel und jüdischer Synagogen, ein Vorgang, der oft durch Bischöfe, Priester und Mönche angestoßen wurde. 388 brannte die Synagoge von Callicinum in Kleinasien. Der Mailänder Bischof Ambrosius (340-397) agitierte gegen den gesetzlich vorgeschriebenen Wiederaufbau. Bischof Cyrill hetzte zur Zerstörung der Synagoge von Alexandria auf. Theodosius II. Verbot den Neubau von Synagogen. Die Beispiele ließen sich leicht vermehren.


Das Mittelalter


Im westeuropäischen 8. Jahrhundert – der größte Teil der Bevölkerung war „christianisiert“ – setzte sich die Verleumdung der Juden durch Schrift, Wort und Tat weiter fort. Indessen gewährte Karl der Große ihnen Schutz und räumte ihnen als Händlern Privilegien ein.

Das führte einerseits zu Wohlstand einiger Juden, andererseits aber auch zu dem irrigen Eindruck, allen Juden ginge es besser als dem übrigen Volk. Dieses Vorurteil hatte zur Folge, dass unter den Nachfolgern Karls des Großen im 9. Jahrhundert Juden untersagt wurde, Grundbesitz zu erwerben. Der aber war die grundsätzliche Voraussetzung für politische Mitwirkung. Davon waren Juden nun genauso ausgeschlossen, wie es ihnen unmöglich war, durch noch so wirkungsvolle Verdienste zum damals herrschenden Adel aufzusteigen.

Als sich schließlich die Handwerker im 10. Jahrhundert in Zünften organisierten und Juden die Mitgliedschaft verweigerten, verdrängten sie sie damit aus den meisten Berufen. Juden mußten sich nun auf Trödelhandel, Pfandleihe, Kreditvergabe und später – wie auch in Xanten – auf Viehhandel beschränken. Der Kredithandel brachte ihnen schnell der Vorwurf des „Wucherns“ ein. Von da war es nicht weit zu dem Zerrbild des betrügerischen und habgierigen Juden.

Der erste Kreuzzug, mit seinem eingangs erwähnten Xantener Ereignis, ausgerufen durch Papst Urban II, sollte Jerusalem von den „Heiden“ befreien. Es war ein Ausruf, den viele Ritter und „einfaches Volk“ als Freibrief zur Vernichtung der „übelsten Feinde Gottes“, der Juden verstanden. So kam es auch im Rheinland zur Vernichtung ganzer jüdischer Gemeinden, wo immer die Kreuzfahrer sich ihren Weg oder Umweg – wie in Xanten - suchten.

Dieser mörderische Fanatismus fand allerdings nicht die Zustimmung aller christlichen Führer und Gemeinden. Das Bistum Mainz ist dafür rühmliches Beispiel, weil es den Juden Schutz in den Kirchen bot.

Das änderte aber an den späteren Kreuzzügen wenig. Die Vorwürfe der sog. Hostienschändung und des Ritualmordes spielten immer wieder eine furchtbare Rolle für die Legitimation von Gräueltaten: „Das ellend jammerig und troslose volck der iuden ... hat das allerhailigst sacrament vilfältigklich gestochen...do waren die iuden... mit gepürlicher peen des tods gestraft,“ liest man in der Schedelschen Weltchronik von 1493.

Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich ab dem 4. Jahrhundert auch in Spanien. Nur unter der Herrschaft der Mauren kam es zu einer friedlichen Toleranz und Zusammenarbeit zwischen Juden, Christen und Muslimen mit der Folge einer kulturellen Blütezeit.

Das 15. Jahrhundert setzte dem mit Inquisition und massenhafter Vertreibung und Zwangstaufen ein Ende. Nach der blutigen Erfahrung der Kreuzzüge stellte Friedrich II. die Juden 1236 unter seinen Schutz, ließ ihn sich indessen mit einer „Judensteuer“ hoch bezahlen.

Papst Innozenz III. verschärfte im IV. Laterankonzil ältere Beschlüsse. Er verpflichtete alle Juden, einen Spitzhut auf dem Kopf und einen gelben Ring auf dem Mantel zu tragen. Er beschloß ein Ämterverbot für Juden und ordnete deren Wohnen in bestimmten, abgeschlossenen Stadtvierteln an, um sie besser kontrollieren und beherrschen zu können.

Das war die offizielle Geburtsstunde des Ghettos, das sich seit dem Beginn des 11. Jahrhunderts bereits mehr und mehr entwickelt hatte. Das alles verfestigte die Judenfeindlichkeit im breiten Volk.

Die sog. Passionsspiele boten zusätzlichen Raum für Beschämung und Ausgrenzung. Der Vorwurf der „Brunnenvergiftung“ und damit der Auslösung der Pest führte zu schlimmen Pogromen u.a. in Erfurt, Fulda, München, London usw., auch dort, wo Juden selbst in großer Zahl an der Erkrankung starben.


Luther und die Reformation


Martin Luther hatte in seiner und der Reformation frühen Zeit eine differenzierte Einstellung zu den Juden. Er sah zwar, daß Jesus von Geburt Jude war. Er sah auch, daß Israel Gottes ersterwähltes Volk sei. Er erwartete aber, daß die Juden sich der Reformation zuwenden und Christen werden würden. Deswegen lehnte er Gewalt und Zwang gegen sie ab.

Als diese Erwartung sich nicht erfüllte, übernahm er die gängigen Klischees seiner Zeit und der vergangenen Jahrhunderte und verquickte sie mit seiner im Kern bedeutungsvollen und weitreichenden reformatorischen Theologie. Juden seien eben doch verstockt, rachsüchtig, geldgierig und leibhaftige Teufel. Immerhin: Sein Zeitgenosse, der Theologe Osiander war über diese Haltung entsetzt.

Luther indessen erwies sich letztlich als unfähig, den jüdischen Glauben als eigenständigen Weg neben dem Christentum anzuerkennen. 1543 forderte er die Fürsten auf, den Juden ihre Religion zu verbieten und sie zu vertreiben. Die Wirkungsgeschichte dieser Unfähigkeit Luthers führte später im sog. Kulturprotestantismus des 19. Jahrhunderts dazu, daß die sog. Moral der christlichen Religion absolut gesetzt wurde.


18. und 19. Jahrhundert


Auch der Idealismus und die Romantik waren als Geistesbewegung nicht in der Lage, sich von diesem Zerrbild zu befreien. Die Verhärtung wurde nicht zuletzt besonders durch weltliche antisemitische Parteien und Gruppierungen intensiviert, die aufgrund sogenannter rassischer Argumente alles Jüdische aus dem deutschen Volk beseitigen wollten.

Das Christentum wurde - in seiner lutherischen Tradition besonders – politisiert. Christliche Dogmen und Feindbilder bereiteten den rassistischen Antisemitismus mit vor. Beispielfigur dafür ist etwa der Berliner Hofprediger Adolf Stöcker.

 

Der Nationalsozialismus


Diese Art der Politisierung trug nicht unwesentlich zur Ausprägung der nationalsozialistischen Propaganda eines Julius Streicher, eines Alfons Rosenberg und der Hetzschrift „Der Stürmer“ bei. In der Folge ging es dem Nationalsozialismus um Entrechtung im umfassenden Sinne und schließlich – seit der Wannsee-Konferenz – um vollständige Vernichtung und Auslöschung des jüdischen Volkes.

Die jahrhundertelange Geschichte der Verunglimpfung, des Hasses und des Antijudaismus in Hetzschriften und –büchern, in der Bildenden Kunst und in der Literatur hatte nun in den Köpfen und Gefühlen der Menschen ihren Raum und machte die Zeitgenossen allzu oft zu „willigen Vollstreckern“ oder Mitläufern der sog. Endlösung, der organisierten Ermordung von 6 Millionen jüdischer Menschen.

Die Kirchen, wo sie sich zum Protest gegen das nationalsozialistische Regime entschlossen, waren in der Regel vorrangig am Erhalt eigener Kirchlichkeit und ihrer Einflußsphäre orientiert.


Nach 1945


Erstes Umdenken der Kirchen Die grauenhafte Konsequenz dieses Geschehens führte – abgesehen also von einzelnen hochengagierten Gruppen und weitsichtigen und tiefer denkenden Einzelpersonen– erst nach 1945 in den christlichen Kirchen zum Umdenken.

1947 versammelte sich eine Gruppe von Protestanten, Katholiken und Juden in Seelisberg, Schweiz. Sie formulierten zehn Punkte zu einem neuen Verhältnis von Christen und Juden – ohne Antijudaismus. Damit begann ein mühsamer und langwieriger Prozeß der christlichen Kirchen, der über den Deutschen Evangelischen Kirchentag ab 1960 zu einer Veränderung vieler evangelischer Landeskirchen und schließlich der Evangelischen Kirche in Deutschland führte.

In den sechziger Jahren hatte das II. Vaticanum wesentliche Weichen gestellt. 1975 gestand die katholische Synode von Würzburg das Versagen der katholischen kirchlichen Gemeinschaft gegenüber dem Judentum ein. Am 12. März 2000 bat Johannes Paul II. Gott wegen des Judenhasses um Verzeihung.


Die zwölf Thesen von Berlin


Dieser Prozeß des Neubeginns fand sein vorläufiges Ergebnis in den Zwölf Thesen von Berlin (2009), in denen die kirchlichen Verfasser und Repräsentanten einen Aufruf zur Neu-Verpflichtung mit der Aufgabe der Schaffung eines neuen Verhältnisses zwischen Juden und Christen formulierten.

In Anwesenheit von Landesrabbiner Brandt, sowie des evangelischen Bischofs Huber, des katholischen Bischofs Mussinghoff und des Bundesinnenministers Schäuble wurden sie von 22 Vertretern der Mitgliedsorganisationen feierlich unterzeichnet.


Zukünftige Aufgaben der Gesellschaft


Die Aufgabe für die Bevölkerung und für die sie beeinflussenden und prägenden Institutionen, ist angesichts jahrtausendelang gewachsener Einstellungen und Vorurteile immens.

Sie erfordert eine Vielzahl von Forschungsaufgaben, sie erfordert Lernen, andauerndes Gespräch in lebendigen Begegnungen mit der heutigen Judenheit und offene Bereitschaft der Kirchen für neue Lehrpläne, Liturgien, veränderte Katechetik, Predigt und Gemeindearbeit. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die vor allem die Bereitschaft des Einzelnen voraussetzt, sich selbst im Denken und Handeln zu verändern.



Autor:
Carl Dieter Hinnenberg, Xanten November 2010
Änderungen durch die Tourist Information Xanten
 
Literatur:
Karl Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte
Wolfgang Benz, Bilder vom Juden Raul Hilberg, Die Ziele des Antisemitismus Michael Ley, Holokaust als Menschensopfer
Günther Bernd Ginzel (Hg.),Mit Hängemaul und Nasenzinken, Erziehung zur Unmenschlichkeit.



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